Liebe Gemeinde,
das eigentliche Thema der heutigen Predigt ist „das Mysterium“ der Trinität, synonym dafür ist der Begriff Dreieinigkeit oder auch Dreifaltigkeit Gottes. Mysterium, das klingt gut, irgendwie geheimnisvoll.
Ich könnte aber auch so beginnen: Die Trinität hat ein Problem!
Aber nein, das wäre nicht erquicklich, gleich mit einem Problem ins Haus zu fallen, schließlich heißt es im Wochenspruch ja: Ich will euch erquicken! Also starten wir mit etwas Erquicklichem: Kinder sind in der Regel erquicklich, besonders Grundschüler und Grundschülerinnen. Wenn man sie lässt, entfalten sie einen wunderbaren, erquicklichen Forscherdrang.
Und jetzt nach den Pfingstferien finden in vielen Schulen Projekte statt, so auch im Religionsunterricht, wo die Kinder etwas erforschen dürfen.
Beliebt sind z.B. Projekte zum Thema Schöpfung, denn es gibt draußen jetzt ungeheuer viel zu entdecken. Stellen Sie sich eine dritte oder vierte Klasse vor, lauter 9-10 Jährige Buben und Mädchen voller Tatendrang und Wissensdurst! Wenn die in die Natur hinausströmen, dort Schätze finden und sammeln, sie gemeinsam betrachten, und dann kleine philosophische Gespräche führen über die Schönheit der Schöpfung.
Alternativ kommt ein Projekt zur interreligiösen Begegnung in Frage, an dessen Ende dann ein Friedens- und Begegnungsfest stehen könnte, vorzugsweise zusammen mit dem Sommerfest, das die jeweilige Schule sowieso feiert.
Wie könnte so ein interreligiöses Projekt konkret aussehen? Meistens liegt der Schwerpunkt bei einer christlich-muslimischen Begegnung, schon deshalb, weil es heute kaum mehr eine Grund- oder Mittelschulklasse in Bayern gibt, in der nicht junge Muslime mit Christen und natürlich zunehmend mehr auch mit Kindern ohne Bekenntnis zusammen lernen. Das ist für die meisten Kinder ganz normal. Jüdisch-christliche oder gar trialogische Projekte sind natürlich auch wünschenswert, aber es gibt leider kaum jüdische Kinder in den Schulen und so sind solche Projekte eher selten und deutlich aufwändiger in der Planung und Durchführung.
Natürlich finden Dialog Projekte nicht im luftleeren Raum statt, im Moment ist die deutsche Gesellschaft aufgeschreckt durch die tödliche Messerattacke eines 25 jährigen Mannes aus Afghanistan gegen einen Polizisten in Mannheim.
Aber für die Schülerinnen und Schüler geht es erst mal so ziemlich genau um das Gegenteil. Sie lernen die jeweils andere Religion von ihren positiven Potentialen her kennen.
Grundlagen eines friedlichen Miteinanders von Menschen unterschiedlicher Religion und Kultur werden thematisiert, ganz im Sinne des aktuell in Bayern eingeführten Verfasssungsunterrichtes. Es geht um Toleranz, um Religionsfreiheit, um Pluralität von Weltanschauungen, um das Aushalten von Andersartigkeit und um die Akzeptanz der Menschenwürde als gemeinsame Grundlage. Aber nicht als trockener Stoff mit Appellcharakter, sondern eben als lebendige Begegnung von Menschen. Da werden Gäste eingeladen und befragt, man besucht sich gegenseitig in den jeweiligen Gottesdiensträumen. Die VertreterInnen einer jeweils konkreten Weltanschauung geben Auskunft darüber, was an ihrer Religion sie im Leben und Sterben trägt.
Entgegen diverser ideologischer, nur vermeintlich fortschrittlicher Forderungen in unserer Gesellschaft, das Fach Religion aus der Schule zu werfen, macht so ein lebendiger, Projekt-bezogener Unterricht das Fach Reli für viele Schülerinnen und Schüler zu einem ihrer liebsten Fächer, dazu kommen die Geschichten aus der Bibel, die die Kinder in einem modernen RU als Geschichten erleben, in denen es auch um sie selbst geht.
Nehmen wir also an, unsere Grundschulklasse entscheidet sich für ein Projekt „Christen treffen Muslime“. Für das Unterrichtsprojekt sammeln die Kinder aus dem evangelischen RU Fragen und bereiten sich darauf vor, selbst ihren muslimischen Mitschülerinnen deren Fragen zu beantworten.
Was sonst so nebeneinander herläuft, wird jetzt plötzlich zum Thema. Man bereitet sich im islamischen Unterricht wie im christlichen RU auf die Begegnung vor.
Im Lehrplan steht dazu die Vorgabe: „Die Schülerinnen und Schüler denken darüber nach, was Christen an ihrem Glauben wichtig ist, und tauschen sich mit Gleichaltrigen darüber aus“.
Nach so einem Projekt erzählen die Kinder dann tatsächlich immer wieder, dass sie im Gespräch und durch die Vorbereitung im Vorfeld auch und vor allem mehr über sich selbst, über ihre eigene Identität als Christinnen und Christen oder eben als Muslime erfahren haben.
Das ist ja eigentlich auch klar: Wenn man einem, der nicht so denkt und glaubt wie man selbst, erklären will, wer man selbst ist und was man selbst glaubt, dann muss man erst einmal darüber nachdenken, was man denn selbst glaubt und wer man dadurch eigentlich ist.
In der Praxis der Begegnung Islam-Christentum geht es dann erst einmal intensiv darum, wie Christen und Muslime leben und den Kindern fällt zunächst auf, dass die Muslime in ihrer Religion viel mehr auf bestimmte Regeln achten müssen, fünf Mal am Tag beten, Fasten im Ramadan, Pilgern, Almosen geben, kein Schweinefleisch essen, keinen Alkohol trinken und Manches mehr. Die Kinder aus der christlichen Gruppe sind dann überrascht, dass die Muslime ihre Regeln gar nicht so sehr als Last empfinden, dass sie sie vielmehr stolz machen und dass sie ihnen Identität geben.
Umgekehrt fällt auf, dass besonders wir Evangelischen wenig Vorschriften für den Alltag haben, abgesehen von den 10 Geboten und der Nächstenliebe als allgemeine Orientierung.
Dann kommt bei den evangelischen Kindern die Frage auf: Was macht unseren Glauben als Christen eigentlich aus?
Dass Gott alle Menschen liebt, das glauben die meisten Kinder im Grundschul-RU und wenn der Reli Unterricht gut ist, können sie auch Jesusgeschichten erzählen, in denen es genau darum geht.
Es geht uns Christen also offensichtlich weniger darum, was wir vordergründig tun, sondern darum, was bzw. wer wir sind, nämlich geliebte Kinder Gottes.
Wenn dann aber jede Seite der anderen Fragen stellen darf, dann fragen die Muslime irgendwann ziemlich sicher und auch kritisch nach: „Habt ihr Christen nun eigentlich einen Gott oder drei?“
Dass es nur einen Gott gibt, ist den Muslimen nämlich ganz wichtig und ihr Glaubensbekenntnis besteht ganz wesentlich darin, dass es keinen Gott gibt außer dem einen, nämlich Allah. Von den 99 schönen Namen Gottes im Islam lautet einer arabisch al-Ahod, der Eine. Gott ist der Eine.
Und Muslime werden den Verdacht nicht los, dass Christen zwar sagen, dass sie auch nur einen Gott haben, dass sie eigentlich aber an drei Götter glauben, sie heißen Vater, Sohn und Heiliger Geist. Noch dazu habe der Christengott ein Kind mit einer normalen menschlichen Frau Namens Maria, was angesichts der Erhabenheit Gottes aus islamischer Sicht gar nicht geht.
Jetzt stellen Sie sich einen Dritt- oder Viertklässler aus der evangelischen Lerngruppe vor, was würde der wohl antworten?
Wie wahrscheinlich auch der eine oder die andere unter uns Erwachsenen würden die Schülerinnen durch diese Außensicht auf unsere Religion erst mal überrascht werden. Wir kämen ins Nachdenken über das Verhältnis von Vater, Sohn und Heiligem Geist und wir würden feststellen, dass es irgendwie kompliziert ist.
Wie genau würden Sie einem muslimischen oder meinetwegen auch einem religionslosen Gesprächspartner erklären, was wir Christen uns jetzt wirklich ganz konkret vorstellen, wenn wir im Glaubensbekenntnis bekennen: Ich glaube an Gott den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist!
Hm! Vielleicht würden die Kinder und auch Sie ja auf die Idee kommen, in der Bibel nachzuschauen, ob da etwas dazu drin steht, das machen wir Protestanten ja doch eigentlich immer, wenn es um unseren Glauben geht.
Das macht natürlich grundsätzlich Sinn. Es macht auch kirchenjahreszeitlich Sinn, weil wir seit zwei Wochen in der Trinitatiszeit sind, die ihren Namen von der Trinität, der Dreieinigkeit des christlichen Gottes ableitet. Die Trinitatiszeit ist die längste Phase eines in Anführungsstrichen „Themas“ im Kirchenjahr.
Allerdings würden wir dann beim Durchforsten der Bibel feststellen, dass wir anders als bei den vorausgehenden Festen Weihnachten, Ostern und Pfingsten für die Trinitatiszeit und auch für die Trinität in der Bibel keine Geschichten aus dem Leben Jesu finden würden. Ist das das Problem, das die Trinität hat?
Was wir haben sind allenfalls uneindeutig formulierte Formeln wie den Taufbefehl aus Matthäus 28,19: „Darum geht hin und macht zu Jüngern alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“. Aber was genau heißt das? Auch die Aussage Jesu nach Johannes 10,30: „Ich und der Vater sind eins“ erklärt nicht, wie man sich das genau vorstellen kann.
Jesus ist doch der Sohn Gottes, könnten Sie sagen. Aber auch die früheren Könige Israels wurden schon als Söhne Gottes bezeichnet. Und die Kinder haben im RU gehört, dass wir alle Kinder Gottes sind. Was heißt das genau in Bezug aus Jesus? Auch das Versprechen Jesu, dass „Der Tröster, der Heilige Geist, den mein Vater senden wird in meinem Namen, der wird euch alles lehren“ (Joh. 14,26) wirft die Frage auf: Was genau lehrt er uns über das Verhältnis von Vater, Sohn und Heiligem Geist?
Wir müssen insgesamt feststellen: Die Trinität, also die Dreieinigkeit Gottes aus Vater, Sohn und Heiligem Geist und die dazu gehörige Trinitätslehre hat keine tief gehende biblische Verankerung, weshalb ich bei dieser Predigt auch erstmals in meiner Predigerkarriere auf die Auslegung des eigentlich vorgesehenen Predigttextes (Epheser 1,3-14) verzichte. Denn dieser Text bringt auch keine Klarheit, er zieht allenfalls eine Reihe von sprachlichen Schnörkeln um die Begriffe Vater, Sohn und Heiliger Geist. Davon können Sie sich selbst überzeugen. Ich hänge den Text dem Manuskript dieser Predigt an und Sie können ihn demnächst auf der Homepage der evang. Gemeinde Tutzing unter der Rubrik „Archiv“ und dann „Predigten“ nachlesen.
Die Trinitätslehre wird also nicht in der Bibel entfaltet, wo dann? Tatsächlich ist die Dreieinigkeit Gottes eine Kopfgeburt streitbarer Theologen des dritten, vierten und fünften Jahrhunderts nach Christus. Manches davon klingt heute abstrus. Die Debatte drehte sich darum, wie man sich das Miteinander und das Gegenüber von Vater, Sohn und Heiligem Geist genau vorzustellen habe.
Dass so genau nachgehakt wurde lag daran, dass in den ersten Jahrhunderten nach Jesus die junge, wenig durchtheoretisierte urchristliche Vorstellungswelt, die ihrerseits aus der eher konkreten, an Geschichten und Erzählungen orientierten Sprach- und Lebenswelt des Judentums erwachsen war, nun auf die philosophische Denkweise der griechischen Welt stieß, in der man alles ganz genau wissen und definieren wollte.
Natürlich ging es auch um Macht. Aber die Uneindeutigkeiten der biblischen Quellen in Bezug auf die Trinität bot den Theologen des 3., 4. und 5. Jahrhunderts auch Anlass und Freiraum genug, um sich erst einmal über Jahrhunderte hinweg einfach so richtig gescheit in die Wolle zu kriegen.
Ein göttliches Wesen und drei Personen, unterschieden und zugleich eins, das reizte die im Begriffs- und Bedeutungsdschungel der griechischen Philosophie beheimateten hellenistischen Denker der frühen Kirche zur gegenseitigen Profilierung.
Protagonisten des Streites waren Bischöfe und Presbyter, Päpste und Kaiserinnen, Namen wie Arius und Athanasius und viele mehr waren Aufreger für die jeweiligen Gegner.
Man debattierte, ob nun von Personen, Wesenheiten, Hypostasen oder Erscheinungsformen der einen Gottheit zu reden war, wer wem untersteht oder von wem ausgeht.
Die einen wollten, dass Gott in seiner Allmacht Gott bleibt, während die anderen wollten, dass durch Jesus das Menschsein in die Gottheit aufgenommen werden sollte. Wörter und Bedeutungen wurden hin und her geklaubt, man exkommunizierte sich ob ihrer Deutung gegenseitig, verbannte sich wechselseitig und nahm sich wieder in die Kirche auf.
Schließlich kam der Streit dann aber doch zu einem gewissen Abschluss bzw. zum Erliegen, und zwar beim Konzil von Chalzedon (451 n. Chr.). Das in Chalzedon festgeschriebene, teils schon vorher formulierte Nicäno-konstantinopolitanische Bekenntnis gilt bis heute als das einzig wirklich ökumenische Bekenntnis der Christenheit, das beschreibt, wie das Verhältnis von Vater, Sohn und Heiligem Geist zu verstehen ist. Es wird auch bei uns manchmal an hohen Feiertagen gesprochen. Sie finden es auf den Seiten 1551-1552 in unserem Gesangbuch.
Die lange Debatte wurde letztlich durch die Formulierung beendet, wonach in Jesus zwei Naturen, die göttliche wie die menschliche, unvermischt und zugleich ungetrennt verbunden seien.
Unvermischt und zugleich ungetrennt, das war ein Widerspruch in sich, eine pure Paradoxie, mit den Mitteln der Vernunft war da nicht mehr weiter zu kommen.
Insofern kann man auch sagen: Als man sich auf diese Paradoxie einigte, da hatte sich die philosophische Debatte um die Trinität in gewisser Weise leer- und ausgelaufen wie eine Welle am Strand der Vernunft.
Insofern wäre damals im Jahr 451 alles soweit gut gewesen, hätte die westliche Kirche nicht später im Mittelalter das sog. filioque (übersetzt: und auch vom Sohn) hinzugefügt, wonach der Heilige Geist auch vom Sohn ausgeht. Sie finden die Formulierung auch in dem Nizäno-konstantinopolitanischen Bekenntnis, das in unserem Gesangbuch steht.
Die östliche Kirche lehnte dieses filioque allerdings vehement ab und blieb bei der ursprünglichen Formel, dass der Geist allein vom Vater ausgeht. Aufgrund des Dissenses um das filioque und daneben noch aufgrund der Rolle des Papstes in der römischen Kirche kam es dann 1054 n. Chr. dann zum großen Zerwürfnis und letztlich zur Trennung zwischen der westlichen (römischen) und der östlichen (orthodoxen) Kirche. Und diese Uneinigkeit besteht -leider- bis heute.
Dazu kam dann noch die Reformation, so dass heute drei große Blöcke oder auch Zweige am Baum der christlichen Kirche nebeneinander bestehen: Die römisch-katholische Kirche, die orthodoxen Kirchen und die protestantischen Kirchen.
Im Grunde ist es tragisch, dass aus dem lebendigen Gottvertrauen Jesu, aus seiner Begeisterung für das Reich Gottes, aus seiner Offenheit und seiner Liebe so eine in ihrer Paradoxität zwar vielleicht interessante, aber letztlich doch auch hölzerne Formel geworden war.
Dass diese ein Drittklässler weder verstehen noch sie einem Muslim oder einem religionslosen Altersgenossen plausibel erklären können würde, liegt auf der Hand.
Es brauchte und braucht noch immer einen anderen Ansatz.
Martin Luther, der den Glauben zurück zu den biblischen Quellen geführt hat, hat auch die Nähe von Jesus zu seinem Gott mit einfachen Worten beschrieben. Jesus nannte seinen Gott liebevoll Abba, zu deutsch Papa. Das war eine existenzielle, persönliche Erfahrung, nicht eine filigrane Gottes-Logik. In seiner reformatorischen Entdeckung hat Luther diese Nähe Gottes selbst erlebt und dann beschrieben in den Kategorien seiner Zeit mit dem Schlüsselworten sola gratia, allein aus Gnade, sola fide, allein aus Glauben und solus Christus, allein unter Bezug auf Jesus Christus. Zwischen Gott und Mensch zählt vor allem Vertrauen und das Geschenk des Glaubens.
Nochmals gut 250 Jahre später, also circa im Jahr 1800 eröffnete der der Romantik verbundene evangelische Theologe und Vater der Religionspädagogik Daniel Friedrich Schleiermacher seinerseits neue Wege, die bis in die religionspädagogischen Projekte unserer Schülerinnen und Schüler nachwirken: Schleiermacher handelte die Trintätslehre als vermeintlich logische, aber in Wahrheit dogmatisch autoritäre Konstruktion ganz am Ende, im letzten Kapitel seiner „Glaubenslehre“ ab, nicht etwa als Höhepunkt, sondern eher als historische Episode.
Es ging und geht in der Religion seitdem im Kern um Gefühle, um Spiritualität, in der romantischen Sprache Schleiermachers um ein schlechthinniges Abhängigkeitsgefühl, um Anschauung und Geschmack für das Unendliche.
An die Stelle dogmatisch abgestützter, paradoxer Faktenbehauptungen im Verhältnis der Gläubigen zu Gott und innerhalb der Trinität trat dadurch eine neue Offenheit, eine neue Sprache, ein ganz neuer Ansatz, für den Unschärfen kein Problem sind.
Glaube wurde zur Gefühlssache, zur Intuition, zur Heimat des Herzens, zum haltenden Anker im Sturm der Zeit. Die Ethik, das, was wir Christen tun sollen, die Nächstenliebe, geschieht dann in freier Entsprechung zu dem, was wir von Gott selbst erfahren, nämlich diese elementare Liebeszusage.
Da stören dann auch die eher vagen Aussagen der Bibel zum Verhältnis von Vater, Sohn und Geist nicht mehr wirklich, bis heute:
Denn wir können unseren Gesprächspartnern, z.B. Muslimen, oder auch Menschen, die sich vom Christentum abgewendet haben, ja davon erzählen, wie gut es uns tut, wie es uns trägt, dass unser Christengott mit seinen Gläubigen eine so herzliche, innige Nähe eingeht, dass er uns so sehr liebt, dass er einer von uns, unser Bruder wird.
Wir müssen das nicht logisch oder dogmatisch begründen, wir können es vielmehr genießen.
Wir können erzählen, wie Gottes existentielles Mitleiden mit uns, wenn wir krank sind, selbst wenn der Tod naht, symbolisch ausgedrückt durch das Leiden Jesu am Kreuz, uns einfach tröstet. Unser Gott weiß aus eigener Erfahrung, wie es uns geht und er hat uns mit der Auferstehung Jesu gezeigt, dass der Tod nicht das letzte Wort hat.
Von Gottes Menschennähe erzählen! Das könnte auch unser Dritt- oder Viertklässler seinen muslimischen Klassenkameraden, indem er ihnen die Geschichte von Zachäus oder auch vom Verlorenen Sohn erzählen würde, die er im RU kennengelernt hat. Da läuft der Vater, für Orientalen ganz ungewöhnlich, seinem verlorenen, gescheiterten Sohn mit ausgebreiteten Armen entgegen. Was für ein starkes Bild für diese entgegenkommende, vergebende Menschen-Liebe Gottes. Mehr braucht es nicht.
Das heißt nicht, dass man nichts zu wissen braucht als moderne Christin, wenn man mit sich und den anderen voran kommen will.
Wenn der oder die Reli Lehrerin ihre Kinder gut vorbereitet hat auf die interreligiöse Begegnung, dann wüssten Sie vielleicht sogar, dass der Gott der Muslime eben nicht nur al-Ahod, der Eine genannt wird, sondern auch al Rahman, der Gnädige, und auch Al Wadud, der Liebende. Das ist gar nicht weit weg von dem, worum es auch in der Trinitätslehre in ihrem Kern geht.
Mit einem freien und befreienden Geist nach solchen Analogien und neuen Sichtweisen zu suchen, die Gemeinschaft und Toleranz zu feiern und nicht an trennenden Klischees und Routinen der Abgrenzung festzuhalten, das ist der Weg für ein zukunftsfähiges, europäisch interpretiertes Christentum, das abstrakte Absolutheitsansprüche aufgeben kann zugunsten einer Praxis, die sich am geisterfüllten Liebesweg Jesu und seines Schöpfer-Vaters orientiert.
Genauso dringend brauchen wir aber einen europäischen Islam, damit nicht am Ende die triumphieren, die aus Liebe Unterdrückung, aus Gnade Kontrolle und aus der Einheit Gottes die Eindimensionalität des eigenen Dominanz-Denkens gemacht haben.
Die Einsicht zum Wahlsonntag zur Europawahl besteht wohl darin, dass wir es nur gemeinsam schaffen werden, das gilt nicht nur für den interreligiösen Dialog, sondern auch im Bereich der Politik.
Wir müssen dabei mit Widerstand rechnen von denen, denen die Liebesdynamik der Rede vom dreieinigen Gott ebenso zuwider ist wie ein Europa der Toleranz. Das ist wirklich ein Problem, aber zumindest besteht darüber jetzt Klarheit.
Was wir zur Lösung des Problems brauchen? Vieles, vor allem Mut, Offenheit und Entschlossenheit, aber nicht zuletzt auch den Frieden Gottes, der größer ist als unsere Vernunft und unsere Herzen und Sinne bewahrt in Jesus Christus, Amen
Vorgesehener Predigttext zum Sonntag Trinitatis 2024
Epheserbrief 1. Kapitel, Verse 3-14:
3 Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns gesegnet hat mit allem geistlichen Segen im Himmel durch Christus.
4 Denn in ihm hat er uns erwählt, ehe der Welt Grund gelegt war, dass wir heilig und untadelig vor ihm sein sollten in der Liebe;
5 er hat uns dazu vorherbestimmt, seine Kinder zu sein durch Jesus Christus nach dem Wohlgefallen seines Willens,
6 zum Lob seiner herrlichen Gnade, mit der er uns begnadet hat in dem Geliebten.
7 In ihm haben wir die Erlösung durch sein Blut, die Vergebung der Sünden, nach dem Reichtum seiner Gnade,
8 die er uns reichlich hat widerfahren lassen in aller Weisheit und Klugheit.
9 Gott hat uns wissen lassen das Geheimnis seines Willens nach seinem Ratschluss, den er zuvor in Christus gefasst hatte,
10 um die Fülle der Zeiten heraufzuführen, auf dass alles zusammengefasst würde in Christus, was im Himmel und auf Erden ist, durch ihn.
11 In ihm sind wir auch zu Erben eingesetzt worden, die wir dazu vorherbestimmt sind nach dem Vorsatz dessen, der alles wirkt, nach dem Ratschluss seines Willens,
12 damit wir zum Lob seiner Herrlichkeit leben, die wir zuvor auf Christus gehofft haben.
13 In ihm seid auch ihr, die ihr das Wort der Wahrheit gehört habt, nämlich das Evangelium von eurer Rettung – in ihm seid auch ihr, als ihr gläubig wurdet, versiegelt worden mit dem Heiligen Geist, der verheißen ist,
14 welcher ist das Unterpfand unsres Erbes, zu unsrer Erlösung, dass wir sein Eigentum würden zum Lob seiner Herrlichkeit.