Episode 2 – Start in die Arbeit und das Leben in Cobija

Blog von David Pförtsch aus seinem Freiwilligen Sozialen Jahr in Bolivien

 

Das Rollfeld besteht aus rotem Sand, die Sonne blendet, gefühlte 100% Luftfeuchtigkeit begrüßen Kathrin, meine Mitfreiwillige, und mich in Cobija. Mit unserem Handgepäck laufen wir Richtung Gates, die nur aus zwei Glastüren bestehen. Schon jetzt, hier auf dem Rollfeld des vergleichsweise kleinen Flughafen Cobijas, erhaschen wir einen Einblick auf die Seele dieses Ortes.

Alles um uns herum ist grün, alles wirkt wie in eine entspannende tropische Gelassenheit getaucht und Cobija liegt vor uns als eher ländliche 60.000 Einwohnerstadt, der man ihr Wachstumspotenzial aus dem grünen Gesicht ablesen kann. Die 50 Meter vom Flugzeug, das uns aus La Paz und der Kälte hierher gebracht hat, bringen mich in meinen warmen Sachen schon leicht zum Schwitzen. Angekommen im Flughafen nehmen wir unser Gepäck auf, während wir gespannt nach unserem Chef Ausschau halten, der uns abholen soll. Ich habe ihn noch nie gesehen, aber dennoch finden wir uns am Ausgang der Gates problemlos. Mein Chef Luiz Blanco begrüßt uns zusammen mit einem jungen Mann aus dem Zentrum namens Alex herzlich und heißt uns in Cobija willkommen. Nach den ersten gewechselten Worten über das Klima und die Hitze und ob es uns gut gehe, führt er uns nach draußen, wo wir zusammen mit Alex und unserem Gepäck ein Taxi Richtung Zentrum nehmen. Luiz fährt uns auf seinem Motorrad hinterher, was in Cobija das Fortbewegungsmittel Nummer 1 ist, wie mir bereits auf dieser ersten kleinen Tour durch meine neue Heimat klar wird. Wirklich fast jedes Fahrzeug auf den Straßen Cobijas, die entweder aus Asphalt oder rotem Staub bestehen, hat zwei Räder oder besteht zumindest zum Teil aus einem Motorrad (sowie das Motocar von Luiz, eine Art Trike mit Ladefläche und Dach).

 

Tienda in Cobija

Etwa fünf Minuten später kommen wir in unserem Mikrokosmus, zumindest für die nächsten etwa zwei Monate an. Bestehend aus unserer Wohnung, die sich in einem einstöckiges Mehrfamilienhaus befindet, in dem Kathrin und ich jeweils ein Zimmer mit eigenem Bad (plus Küche in Kathrins Zimmer) bewohnen. In den anderen wohnen nur Lehrer, die zumeist aus La Paz kommen und zu denen auch die Schwägerin meines Chefs zählt. Weiterhin gehört zu unserer kleinen Blase das Centro luterano Galilea, welches aus der Kirche, dem Haus von Luiz und Berta und dem eigentlichen Zentrum mit einigen separaten Räumen besteht. In unserem Viertel „Paraiso“ gibt es auch noch einige Tiendas, aus denen wir uns vor allem mit Brötchen und „refresco“, Cola, Pepsi, Sprite etc. versorgen.

 

Nachdem die Zimmer besichtigt sind, setzen wir uns mit Luiz und Berta in Kathrins Zimmer zum Essen an den Tisch. Bei einem typischen „almuerzo“ (Mittagessen), bestehend aus Suppe und einer Hauptspeise aus Hühnchen und Reis, reden wir mit den beiden darüber, was wir so über das Zentrum und unsere Vorgängerinnen gehört haben, wie uns Bolivien gefällt und vor allem reden wir über die Arbeit in den nächsten Wochen. Denn davon gibt es reichlich... Zum einen zum Anlass des 13-jährigen Jubiläums des Centros und andererseits steht auch hier in Bolivien die 500-Jahre-Feier zu Ehren der Reformation und Luthers an. Dementsprechend hatten wir die ersten eineinhalb Monate ungeheuer viel zu tun und unser Tag war vollgepackt mit verschiedenen Tätigkeiten.

 

 

In der darauffolgenden Woche begannen wir vormittags in der Grundschule in unserem Viertel zu arbeiten, Kathrin in der dritten Klasse und ich in der ersten Klasse. An den Nachmittagen ging es dann eigentlich fast immer in Zentrum. Hier liefen mehr oder weniger zwei Arbeitsprozesse gleichzeitig ab. Zum einen will Luiz die Ausrichtung und die internen Strukturen des Centros mit uns neu gestalten. So wird die vorige Nachmittagsschule in ein Zentrum für mehrere Interessensbereiche aufgeteilt, in denen Luiz für Mathematik auf nun spielerische anstatt schulische Art und Weise, Technologie und sein Traumprojekt Robotik anbietet, Kathrin für den Bereich Musik zuständig ist und ich mich am Metier Sport versuchen darf. Die Kinder im Grundschulalter dürfen sich dann montags, mittwochs und freitags am Nachmittag für zwei Stunden in einem Zirkellauf in Gruppen an allen drei Bereichen versuchen und so ihre Talente und Anlagen in einem sinnvollen, lernenden, angewandten und christlichen Kontext ausbilden.

 

Brunnenbau

 Denn das ist der zweite Teil des Centro Galilea: die Kirche. Im zweiten Prozess in dieser Zeit galt es nämlich die Kirche und das Gelände drum herum (und auch das Gebäude des Zentrums) auf Vordermann zu bringen, zu putzen, z.T. Zu renovieren und umzugestalten. So gingen wir in unserem ersten Monat eher wenig in die Schule und schlossen auch für zwei Wochen das Zentrum, um Arbeiten wie die Instandsetzung der Kirchenbänke, die Erneuerung der Kirchenmauern, den Bau eines Springbrunnens in der Kirche (!!!), dem Jahresputzes des Salons im Zentrum, der Renovierung der Veranda und der Entwicklung einiger neuer Materialien für den Unterricht im Zentrum.

 

Brunnen im Centro

Neben all diesen Tätigkeiten, die uns zum Teil mehr als zwölf Stunden am Tag beschäftigten, wobei ich vor allem die „männlichen“ Tätigkeiten in den Bereichen Schreinerei und Maurerei übernahm, hatte ich auch das Privileg an den Sonntagen in der Kirche mitzuhelfen und sogar zu predigen und mit den Gemeindemitgliedern Konversationen über die heutige Bibelstelle zu führen.

 

„Skip“

Seit neuestem haben wir auch ein neues tierisches Gemeindemitglied: Skip, unseren Mischlingswelpen, der überall für Haare raufen und ein warmes Herz sorgt. Seine Lieblingsbeschäftigung im Moment: Alles Beißen. Er ist eine weitere liebevolle „Herausforderung“ für uns im Centro luterano Galilea.

 

Kirchenpräsident zu Besuch in Cobija

Für den ersten Monat waren das und einiges mehr meine Tätigkeiten. Diese doch sehr anstrengende Zeit hatte dann ihren Höhepunkt mit dem Jubiläum des Zentrums, welches zusammen mit einem Vorgeschmack auf die 500 Jahre Luther Mitte Oktober stattfand. Zu dieser Feierlichkeit an der unter anderem auch der Kirchenpräsident Emilio Aslla Flores und ein Sekretär der IELB teilnahmen war an drei Tagen der Festlichkeiten so einiges geboten: Lutherfilm am Freitag (interessant auch mal auf spanisch), Besuch der Finca der Kirche im Dschungel mit eigener Rinderfarm und Obst- und Gemüseplantage, sportlicher Nachmittag, kultureller Abend am Samstag mit Auftritten der Universität Cobija, Gottesdienst am Sonntag und ein Talente-Nachmittag.

 

Bananenernte auf der Finca

Nach diesen drei Tagen voll mit Programm und einer arbeitsreichen aber vor allem erfüllenden Anlaufzeit in Cobija waren wir trotzdem dankbar für die Woche Auszeit in La Paz, da wir zum Luther-Jubiläum eingeladen waren und als quasi „Ehrengäste“ einem Umzug durch die Straßen La Paz und einem Festgottesdienst im Amerikanischen Institut beiwohnen durften.

Die jetzige Zeit nach der Rückkehr aus La Paz bedeutet für mich und Kathrin vor allem Eingewöhnung, Normalisierung und Alltag. Wir werden uns jetzt zusammen mit unserem Chef Luiz in der Zeit bis zu den Ferien und auch während der dreimonatigen Schulferien intensiv mit dem neuen Konzept des Centro Galileas beschäftigen, unsere jeweiligen Aufgabenbereiche ausarbeiten, Methodik und Inhalte absprechen und einige Anschaffungen machen oder selbst herstellen.

Neben diesen Tätigkeiten in meiner Arbeitsstelle werde ich mich aber auch mehr in Cobija umsehen und mir Hobbys und neue Bekannte und Freunde suchen... Eines habe ich bereits gefunden: Ich spiele jetzt abends Basketball an der Plaza del Estudiante mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Bis jetzt bin ich der größte Spieler dort ;-).

In diesem Sinne hören Sie/Du wieder von mir, wenn es etwas neues Interessantes gibt und spätestens bevor ich anfange zu reisen! Ich hoffe ich konnte einen guten Einblick auf die Ereignisse und meine ersten Eindrücke auf Cobija, meine Arbeit und die Gegebenheiten hier vor Ort geben und bin mir sicher... nos vemos!


Saludos y abrazos

David Pförtsch

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